Das zauberhafte Convento dos Capuchos in der Serra de Sintra bei Lissabon

Ein höhlenartiges Felsenkloster mit winzigen Mönchszellen erkunden, durch einen magischen Wald streifen und über der unglaublich kleinen Höhle von Bruder Honório meditieren

Dass die Serra de Sintra zu den außergewöhnlichsten Landschaften Portugals gehört, ist wahrlich kein Geheimnis. Der Regenreichtum dieses Gebirges hat eine fantastische Flora heraufbeschworen, die sich üppig um riesige Findlinge breitgemacht hat. Durch die prächtigen Wälder schleichen Fuchs und Ginsterkatze, zahlreiche Vogelarten nisten in den Efeu-bekleideten Bäumen, und zwischen Gesträuch und Felsen tummeln sich eine Vielzahl außergewöhnlicher Reptilien. Was hingegen durchaus weniger bekannt ist, dieses Gebirge wurde in der Antike als Mondberg bezeichnet und galt als Rückzugsort von Diana der Jägerin, die für die Römer die Beschützerin der Frauen und Mädchen war.

An die Hänge dieses imposanten Gebirges klammert sich Sintra, die romantischste Kleinstadt Portugals, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts als Zentrum der portugiesischen Romantik galt. Noch heute sieht man den Bauten aus dieser Zeit ihren Romantik-Kitsch durchaus an, der allerdings nach so vielen Jahren weniger kitschig wirkt. Zahlreiche reizvolle Paläste und Gärten laden hier täglich unzählige Touristen zum Besuch ein. Neben den Sintra-nahen Palästen ist für mich das Convento dos Capuchos, einer der schönsten und außergewöhnlichsten Orte dieser Gegend. Es ist wegen der langen Anfahrt weitaus weniger besucht, als der Palácio Nacional da Pena, und liegt zudem inmitten des üppigen Waldes, weitab von allen Dörfern und Städten.

Das Kloster wurde wahrscheinlich aufgrund eines Gelübdes 1560 errichtet und seine Gebäude wurden ganz im Sinne der Philosophie des Franziskanerordens von Assisi gestaltet. Die Mönchszellen waren gerade groß genug, um sich diagonal und tatsächlich auch nur so darin ausstrecken zu können und die Türen erlaubten lediglich einen knienden oder gebeugten Eintritt. Überhaupt galt den Ordensbrüdern hier die Suche nach spiritueller Vollkommenheit durch Weltvermeidung und Verzicht auf alle irdischen Freuden als höchstes Gut. Der spanisch-portugiesische König Philipp der II., der 1581 das Kloster besuchte, soll angesichts der spartanischen Ausstattung bekannt haben, dass es in seinem ganzen Königreich zwei Schätze gäbe, über die er sich besonders freue, den Klosterpalast Escorial nahe Madrid, weil er so reich ist und das Korkkloster bei Sintra, weil es so arm ist.

Schon die Anfahrt vom gemütlichen Bergdörfchen Malveira da Serra oder von Sintra hinauf zum Kloster ist überwältigend. Auf schmalen Straßen geht es durch einen fast tropisch anmutenden Wald, vorbei an Felsformationen und mittelalterlichen Gemäuern. Hin und wieder könnt Ihr weit unten die wunderschöne Küste und den weiten Ozean erspähen.

Der Eingang zum Kloster steckt bereits voller Symbolik. Der göttliche Weg, durch das Kreuz am Eingang ist den Menschen versperrt und so müssen Besucher*innen an dieser Stelle einen der beiden Wege am Kreuz vorbei wählen. Diese Entscheidung sollte die Ankommenden daran erinnern, dass sie selbst wählen dürfen, welchen Weg sie nehmen, dass aber das Kreuz als Symbol des himmlischen Beistandes den Einkehrenden bei beiden Wegen stets zur Seite steht.

Das ganze Kloster kann als architektonischer Ausdruck einer Philosophie betrachtet werden, die nach Harmonie zwischen menschlicher und göttlicher Schöpfung strebt. Die Grenzen zwischen den Gebäuden und der Natur sind hier bewusst fließend gehalten, riesige Granitblöcke sind nicht zufällig Teil der Gebäude. Der Lehre des Heiligen Franziskus von Assisi folgend beten die Mönche Gott durch das an, was sie als sein Werk ansehen: Die sie umgebende Natur. Und diese ist auch in den Gebäuden allgegenwärtig. Quellwasser strömt durch das Badehaus, Vogelgezwitscher und wärmende Sonnenstrahlen dringen durch die weit geöffneten kleinen Fenster.

Obwohl wir schon hin und wieder mal hier waren, stürmen Lia und Laura begeistert zum Eingang des Klosters und erforschen die dort befindlichen Kapellen, sowie die Gasträume der Pilger und schlüpfen dann durch das sogenannte Todestor in den privaten Teil des Klosters.

Hier finden die beiden schon bald den Weg zu den wundersamen Mönchszellen. Jede wählt eine der Zellen für sich aus und erforscht diese, wenngleich auch heute hier kaum mehr zu finden ist, als vor Hunderten von Jahren. Ich teile ihre Begeisterung, denn die Dimensionen und die Schlichtheit des Klosters begeistern Groß wie Klein. Zu recht werden die Gebäude gerne mit den gemütlichen Höhlen der Hobbits im Auenland verglichen.

Wir erforschen nun gemeinsam weitere Räume: einen kleinen spartanisch eingerichteten Speisesaal, direkt daneben eine recht große Küche, in der auch für Bedürftige aus der Umgebung gekocht wurde, das Badehaus mit den steinernen Aborten und einer Badewanne, die bei unseren früheren Besuchen stetig mit frischem, eisigen Wasser aus den Quellen der Umgebung befüllt wurde, und einen dunklen kleinen Raum, den ich ganz besonders mag, den Kapitelsaal, in dem sich die Gemeinschaft versammelte und der seine ganz eigene Akustik hat. Wenn Ihr Euch hier gemeinsam hinein setzt, könnt Ihr Euch vielleicht für einen Augenblick die besondere Atmosphäre vorstellen, die hier für fast 300 Jahre geherrscht hat.

Wir entdecken weitere Mönchszellen, die gemütliche kleine Bibliothek, Krankenzimmer und eine dunkle Bußzelle zur Meditation und klettern schließlich an zwei etwas größeren Gästezimmern vorbei, ganz hinauf zum obersten Raum, der vergleichsweise komfortabel eingerichtet gewesen sein dürfte. Dieses Zimmer verfügte wahrscheinlich über ein Bett, einen Schrank und einen kleinen Nebenraum, der vermutlich ausreichend Platz für Bedienstete zur Verfügung gestellt hat. Es wird daher davon ausgegangen, dass er den adligen Besuchern, wie denen der Gründerfamilie Castro zugeteilt wurde, wenn diese für einen zu jener Zeit durchaus beliebten Klosterretreat hier verweilten.

Meine Töchter stürmen nun hinaus auf den stillen und idyllischen Platz oberhalb des Klosters, dessen Zentrum ein einfacher Brunnen bildet und der im Schatten einer mächtigen Korkeiche liegt, die sicherlich seit Jahrhunderten für einen Großteil der Korkisolierungen und Verzierungen in den Gebäuden genutzt wurde. Es ist inzwischen Abend geworden und alle anderen Touristen haben sich schon auf den Rückweg begeben. Der Platz, der herrliche Wald und die schlichten und schönen Klostergebäude sind nun in goldenes Licht getaucht. Und wie schon bei meinen früheren Besuchen, strahlt dieser Ort einen solchen Frieden aus, dass wir gar nicht mehr weg wollen. 

Schließlich spazieren wir doch weiter, zuerst bergauf zu einer kleinen steinernen Pforte, die anscheinend in der Vergangenheit das Klostergelände abschloss. Von dort klettern wir kleine Wege und Treppen hinauf zu der Kapelle des Gekreuzigten, die eher eine Höhle zwischen zwei Felsen ist und anscheinend zur Meditation genutzt wurde.

Der Weg führt anschließend hinab zu der Höhle des Bruders Honório, der hier die letzten Jahrzehnte seines Lebens isoliert verbracht haben soll, in einer winzigen Höhle und bei Wasser und Brot, da er einer Legende zufolge vom Teufel in Gestalt eines hübschen Mädchens versucht worden war.

Ein durchaus zauberhafter Ort, wenngleich die Höhle so winzig ist, dass es schwer fällt sie sich als Behausung eines Mönchs vorstellen zu können. Auf dem Felsen darüber stehend könnt Ihr jedoch den nahen Atlantik sehen. Unsere Kinder haben die Gelegenheit genutzt und hier ein wenig meditiert, den zarten Vogelstimmen gelauscht, dem lauen Wind nachgespürt… 

Über den schönen alten Klostergarten mit seinem niedlichen Bewässerungssystem und dem Gartenhaus, dass heute als mit einem Automaten ausgestattetes Cafe genutzt wird, verlassen wir geläutert und gleichmütig diesen paradiesischen Ort und fahren glücklich zurück ins nahe Lissabon.

Übrigens könnt Ihr hin und wieder auch Nachtführungen auf Portugiesisch und Englisch buchen, was sicherlich auch für einen unvergesslichem Besuch sorgen sollte.

Parkplatz
GPS: 38.78287675597137, -9.435465806638625

Anfahrt mit dem Hop on/Hop off Bus von Sintra:
Täglich zwischen 10 und 17 Uhr ab dem Bahnhof Sintra in Richtung Cabo da Roca fuhr in der Vergangenheit ein Bus zum Kloster, allerdings kann es sein, dass diese Linie aktuell nicht mehr bedient wird. Informiert Euch dazu am besten in Sintra am Bahnhof!

Öffnungszeiten
Täglich: 9:00 bis 18:00 Uhr

Ich empfehle einen Besuch zur Mittagszeit oder gegen 16 Uhr und möglichst nicht an Wochenenden, weil Ihr dann vielleicht ganz allein dort seid und die friedliche Atmosphäre richtig genießen könnt.

Mitnehmen:
Getränke und eventuell einen Imbiss: Es gibt nur einen Automaten mit eher weniger schmackhaften Snacks. Kinderwägen sind kaum geeignet, da es viele Stufen und unbefestigte Wege gibt. Ein Tragetuch oder Tragegestell hingegen ist sehr nützlich.

Eintrittspreis
7,00 € pro Person,
5,50 € pro Kind
Kostenfrei für Kinder unter 6 Jahren
22,00 € für eine Familienkarte (2 Erwachsene, 2 Kinder über 6 Jahren)

Webseite des Klosters
parquesdesintra.pt

Download der deutschen Karte (am Besten vorher ausdrucken):
Da die Audioführer nur auf Portugiesisch und Englisch erhältlich sind, lohnt es sich, die hübsche Karte in der deutschen Version vorab herunterzuladen und am besten ausgedruckt mitzubringen.
parquesdesintra.pt/media/mtkl5q4j/capuchos_de.pdf

Eintrittskarten, Erwerb und Download eines englischen oder portugiesischen Audioguides (ca. 1 €):
bilheteira.parquesdesintra.pt

Nachtführungen:
parquesdesintra.pt/en/cultural-programming/

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4 Comment

Marie Schade 23. Juni 2022 - 8:26

Hallo Jens,
es ist wirklich ein Märchenland, das Du mit Deinen Kindern entdeckt hast. Wieviel Freude es ihnen macht und wieviel Neugier Du in ihnen weckst, sieht man an dem Gesichtsausdruck der schönen Fotos.
Mit all diesen Entdeckungstouren in unbekannten Regionen Portugals solltest Du eine Art Reiseführer über interessante unentdeckte Pfade in Portugal schreiben, der – nicht nur für Eltern – ein interessanter Ratgeber für lohnende Ausflüge ist. Es sind Touren, die für jedes Alter geeignet sind, da sie keine großen körperlichen Anstrengungen erfordern, aber die ein ganz anderes Portugal zeigen und alle gut zu erreichen sind.
Herzliche Grüße
Marie

Jens 23. Juni 2022 - 9:39

Danke Marie, vielleicht werde ich in ein paar Jahren tatsächlich mal eine Auswahl an Touren als Buch zusammen stellen, aber sicherlich eher unter dem Thema Familienausflüge in Portugal. Aber vorher möchte ich hier noch so einiges ausprobieren und entdecken. Herzliche Grüße, Jens

Katja | hin-fahren.de 22. Juni 2022 - 12:32

Danke, dass Du mir diesen schönen Ort zeigst. Sintra haben wir bisher immer ausgelassen, weil ich keine gute Parkmöglichkeit mit dem Camper gefunden habe und so habe ich mich noch gar nicht mit dieser Region beschäftigt. Dieses verwunschene Kloster kommt aber sicher auf die Besichtigungsliste für die nächste Tour.
LG Katja

Jens 22. Juni 2022 - 14:07

Liebe Katja,
die Anfahrt zum Kloster führt zwar über schmale Straßen, diese werden aber auch von großen Bussen genutzt. Und der Parkplatz ist auf jeden Fall groß genug und meist relativ leer. Durch Sintra selbst und zu den anderen Schlössern würde ich allerdings eher nicht mit einem Camper fahren. Am Bahnhof sind aber recht große Parkplätze, die sich sicherlich besser eignen, um dann Sintra zu Fuss zu erkunden.
Herzliche Grüße,
Jens

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