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Wildpferde und Geier beobachten, jahrtausendealte Felszeichnungen entdecken und eine uralte, mächtige Korkeiche bestaunen

Bei unserem Besuch bei Freunden in Namibia im letzten Jahr hatten wir Gelegenheit den riesigen Etosha-Nationalpark zu erkunden. Wir haben dort tausende Zebras, Gnus und Springböcke aus nächster Nähe bestaunt, außerdem Elefanten, Oryx-Antilopen, Giraffen, einige Nashörner, Löwen, Geparden, Hyänen und viele andere Tiere und waren maßlos begeistert von diesem Abenteuer. Bei unserer nächsten Reise durch den Norden Portugals konnte ich nicht umhin, mir vorzustellen, ja tief zu wünschen, dass es einen solchen Nationalpark auch hier in Portugal geben sollte. Wo könnten wir so viele verschiedene große und kleine Wildtiere beobachten? Wo findet sich noch unberührte Natur, wo unkultivierte Urlandschaften?

Und ja, es gibt einen solchen Ort in Portugal: das einzigartige Naturreservat Faia Brava im Côa-Tal, wo seit einigen Jahren unsere Träume Wirklichkeit werden. Dass sowohl das atemberaubend schöne Côa-Tal mit seinen außergewöhnlichen Felsritzzeichnungen, als auch dieses private Naturschutzgebiet bis heute nicht geflutet wurden, verdanken wir der Kultur und Kunst eifriger Steinzeitmenschen, die eine einzigartige Galerie von vor allem Tierritzzeichnungen erschaffen haben und dadurch in den 1990er Jahren den Bau eines Stausees schließlich verhindern konnten.

Faia Brava gehört zu den acht Modellregionen der Initiative »Rewilding Europe«, die sich zum Ziel gesetzt hat, einige der artenreichsten Naturlandschaften des Kontinents wieder in echte Wildnisgebiete zu verwandeln. Gegründet wurde das Reservat im Jahr 2010 mit dem vorrangigen Ziel, bedrohte Arten wie den Schmutzgeier und den Habichtsadler zu schützen. Schon bald wurden dort jedoch auch Garrano-Pferde und Sayaguesa-Rinder angesiedelt – robuste Tiere, die den auf den prähistorischen Felszeichnungen dargestellten Auerochsen nicht zufällig ähneln.

Heute gibt es im Faia Brava Reservat Rothirsche, Wölfe, Wildschweine, Dachse, den iberischen Luchs, Füchse, Fischotter, Schildkröten, Gänsegeier, Mönchsgeier, Steinadler, Turmfalken, Schwarzstörche und Uhus, sowie viele weitere Vogelarten und Reptilien. Bedauerlicherweise konnten die großen Sayaguesa-Rinder aus juristischen Gründen nicht langfristig wild im Park gehalten werden. Sie gelten auch ausgewildert als Nutztiere. Und vor allem wegen veterinärrechtlicher Vorschriften (Seuchenprävention und Registrierungspflicht) wurden sie nach ein paar Jahren, obwohl sehr gut angepasst an die Wildnis, wieder aus dem Gebiet herausgenommen.

Immerhin leben die schönen Garrano-Pferde in zwei Herden aufgeteilt auf beiden Seiten der Côa und es ist nicht allzu schwierig sie im Park zu Gesicht zu bekommen. Unzählige Wildkaninchen wurden gezüchtet und in allen Rewildering-Projekten ausgesetzt, um die Nahrungsketten zu schließen und das Ökosystem zu stabilisieren. Speziell für die Raubvögel und Luchse sind Wildkaninchen sehr wichtig als Beutetiere. Mir bereiten solche Pläne zwar Unbehagen, aber ich kann doch den guten Willen hinter der Initiative erkennen, eine komplexe Natur wieder herzustellen.

Wir hatten schon bei unserem ersten Besuch im Côa Tal 2019 vom Faia Brava gehört, sind sogar zum Eingang des Naturreservats gefahren und haben über die grandiose Natur gestaunt, die hier an die unbewohnten Weiten der großen amerikanischen Nationalparks erinnert. Wir hatten von unserem damaligen Führer Marco viele Details über das Projekt gehört und haben ihn in diesem Jahr prompt angerufen, um mit ihm eine Safari-Tour durch das Naturreservat zu unternehmen.

Marco arbeitet seit mehr als 15 Jahren im Côa-Tal als Naturführer und Umweltpädagoge, er hat seine Karriere als Biotechnologieingenieur in Porto gegen ein Leben in freier Natur und für Umweltbildung eingetauscht und bietet allerlei touristische Aktivitäten an. Er hat uns schon 2019 sehr ausführlich und geduldig die berühmten Ritzzeichnungen von Penascosa erklärt und wir freuen uns auf den Tag im Faia Brava Reservat mit ihm.

Am Abend parken wir unseren Camper direkt neben dem Freibad Piscinas de Algodres, so wie uns Marco empfohlen hat und genießen das erfrischende Bad, denn im August ist es in dieser Gegend fast immer sehr heiß. Am nächsten Morgen beginnt unsere Safari-Tour direkt im Zentrum des hübschen Dorfes und während wir zum Eingang des Naturreservats fahren, erklärt uns Marco schon, wie sich das Gebiet seit unserem letzten Besuch entwickelt hat. Das ursprünglich vorhanden Glamping-Angebot „Star Camp“ gibt es leider nicht mehr, das Reservat wächst aber beständig weiter durch Zukäufe des angrenzenden Gebietes.

Am Südtor des Faia Brava angekommen, bestaunen wir erst einmal die Installation des britischen Künstlers Antony Lyons, der inspiriert durch die in dieser Gegend häufig zu sehenden traditionellen Taubentürme, ein Schatzhaus erbaut hat, das „Habitat“. Darin sammelte er Knochen von Tieren, die in dieser Gegend gefunden wurden und die hier an den Kreislauf von Leben und Tod erinnern sollen. Vier Nischen des Schatzhauses wurden von umliegenden Gemeinden mit eigenen Schätzen gefüllt. Uns fasziniert, dass die im Turm vorhandenen frischen Pferdeäpfel verraten, dass die Wildpferde vor ein paar Stunden hier zu Besuch waren und sich die Installation, oder die Knochen ihrer Ahnen angesehen haben.

Bevor wir wieder in den Jeep steigen, erspähen wir noch einen wunderschönen Vogel, der auf einem Drahtzaun sitzt und herüber schaut, ein Bienenfresser, einer der farbenfrohsten Vögel Europas. Dann holpern wir den Weg hinauf und halten vor einer Felsformation, die das Profil eines jungen und eines alten Menschen zeigt. Marco erklärt uns, dass dieser Felsen auf eindrückliche Weise vermittelt, worum es hier vor allen Dingen geht, um die Vergangenheit und die Zukunft der Menschheit.

Wir fahren auf eine Anhöhe, auf der ein altes Gebäude erhalten ist und als Lager dient. Hinter dem Haus haben wir einen herrlichen Blick über den größten Teil des Naturreservats, speziell über die Schlucht, durch die die Côa sich gegraben hat. Zwischen den Felsen und an den Hängen ducken sich vor allem niedrige mediterrane Sträucher, und hier und dort sehen wir Korkeichen, Oliven- und Mandelbäume. Marco baut sein Spektiv auf und zeigt uns einen Felsen jenseits des Flusses auf dem auch mit bloßem Auge, einige Geier zu erkennen sind. Durch das Spektiv können wir sie sehr gut sehen.

Sicherlich vom Rauch, der in der Nähe wütenden Waldbrände, ist der Himmel bedeckt und als dann doch plötzlich die Sonne durchbricht, beginnen die Gänsegeier die Aufwinde zu nutzen und schrauben sich Dutzendweise in die Höhe. Sie kommen auch langsam in unsere Richtung und wir bewundern die majestätischen Vögel mit ihren weiten Schwingen.

Wir fahren noch näher an die Felsen heran und gehen dann zu Fuß zu den Hängen der Schlucht. Auf den staubigen Wegen finden sich Wildschweinspuren und eine Haubenlerche präsentiert uns ihre hübsche Frisur. Der in Deutschland bereits sehr seltene Vogel ist in Portugal und speziell im Côa Tal noch sehr oft zu bewundern, denn genau hier gibt es noch die Habitate, die für die Haubenlerche lebenswichtig sind: Niedrige Vegetation, und kaum Landwirtschaft.

An den Hängen angekommen, beobachten wir nun viele Geier aus nächster Nähe. Sie schweben neben und über uns, nutzen die Aufwinde und segeln entspannt über die Landschaft. Wir hoffen, auch die wunderschönen Schmutzgeier zu Gesicht zu bekommen. Aber von diesen gibt es weitaus weniger zu beobachten und hier haben wir kein Glück.

Stattdessen klettern wir über ein paar Felsen zu einem Felsvorsprung, der sich als uralter von Menschen genutzter Ort erweist. Der herrliche Blick vom Lapas Cabreiras über das wilde Tal bedarf keiner weiteren Erklärungen, um zu verstehen, warum Menschen sich gerade diesen Ort ausgesucht haben, um einige Felszeichnungen anzubringen. Mit roter und schwarzer Farbe wurden hier eher schematischere Zeichnungen von Menschen, Händen, Linien, Punkten und geometrischen Zeichen angebracht, deren Bedeutung man nur erahnen kann. Wahrscheinlich ging es hier um religiöse Rituale des Neolithikums, die sich erstaunlich gut erhalten haben. Linien und Punkte gehören zu dem Spektrum der Zeichen, die auf Tranceerfahrungen der Künstler hindeuten. Marco zeigt uns dann noch ein preisgekröntes Foto, welches der Archäologe Mário Reis hier 2024 aufgenommen hat und bei dem es ihm gelungen ist, mit verschiedenen fotografischen Techniken, schon völlig verblasste Zeichnungen wieder sichtbar zu machen.

Zurück im Jeep machen wir uns nun auf den Weg zu der diesseitigen Herde der kleinen Garrano-Pferde, die auf beiden Seiten der Côa im Reservat leben. Wir hatten schon von weit oben eines der Pferde erspäht und suchen nun in der entsprechenden Gegend nach den braunschwarzen Ponys. Die Garranos sind eine sehr alte, robuste Pferderasse aus Nordportugal, die wir auch bereits im Peneda-Gerês Nationalpark gesehen haben. Sie sind klein, zäh und perfekt an karges Bergland angepasst. Sie leben dort beinahe wild und meist in kleinen Herden. Sie haben erfolgreiche Strategien entwickelt, sich bei Wolfsangriffen zu verteidigen und ihre Fohlen zu schützen.

Wir entdecken die robusten, braunen Pferde mit schwarzer Mähne und ebensolchem Schweif schließlich in einem Wäldchen etwas abseits des Weges, wo sie im Schatten einiger Bäume grasen. Sie sind nicht wirklich scheu, doch einige der Pferde beobachten uns genau, während wir vor allem die Fohlen bewundern, die zwischen den Stuten herumstaksen und hin und wieder auch von ihren Müttern gesäugt werden. Für unsere Kinder, die Pferde lieben, ist dies das Highlight des Tages: Eine Herde wilder Pferde aus allernächster Nähe beobachten.

Als wir wenig später an einer gewaltigen Korkeiche anhalten, erklärt uns Marco, dass dieser Großmutter-Baum um 1600 hier gepflanzt wurde und seitdem und bis vor kurzem hinauf bis in die obersten Spitzen kontinuierlich geschält wurde. Wir berühren die alte furchige Haut dieser Großmutter und verbinden uns für einen kurzen Moment durch eine Umarmung mit einer sehr alten Geschichte.

Auf dem Rückweg nach Algodres erzählt uns Marco noch einiges über seine neue Wahlheimat und die nähere Umgebung. Er rät uns, dem Rio Agueda  einen Besuch abzustatten, einem Grenzfluss zwischen Spanien und Portugal, in dem wir vielleicht Otter und viele andere Tiere beobachten könnten. Wir sind am nächsten Tag völlig angetan, von dem kleinen und erstaunlich wilden Fluss, auf dem wir mit Kajaks Wasserschildkröten, Steinadler und einige andere schöne Wasservögel beobachten können. Obwohl wir in Erfahrung bringen können, unter welchem Baum sich die Otter Höhlen gebaut haben, sehen wir sie leider nicht und beschließen bald noch einmal wiederzukommen. Vielleicht gibt es dann im Faia Brava auch endlich wieder Steinböcke und iberische Nashörner, so wie Yann Martel es sich in seinem Roman „Die hohen Berge Portugals“ bereits eindrucksvoll ausgemalt hat.

Faia Brava Südtor:
40.9053768043445, -7.0960686390585055

Wandern:
Der ausgeschilderte kurze Rundwanderweg Trilho dos Biólogos führt vom Südtor in 35-45 Minuten zu schönen Aussichtspunkten und lohnt sich sicherlich, um einen Einblick in das Naturreservat zu bekommen.

Der Fernwanderweg GR45 führt durch das Naturschutzgebiet. Ihr könnt z.B. das Teilstück vom Südtor bis zur Großmutter-Korkeiche erwandern, müsst dann jedoch wieder zurück wandern:
natural.pt/protected-areas/area-protegida-privada-faia-brava/pathways/gr-45-grande-rota-do-vale-do-coa-etapa-9?locale=en

Safari-Touren:
Verschiedene Anbieter, z.B.: Ambieduca

Schon heute im Faia Brava beobachtbare Tiere:
Wilde Garrano-Pferde, Rothirsche, Wölfe, Wildschweine, Dachse, den iberischen Luchs, Füchse, Fischotter, Schildkröten, hunderte Vogelarten, z.B. Gänsegeier, Schmutzgeier, Mönchsgeier, Steinadler, Turmfalken, Habichtsadler, Uhus und Schwarzstörche uvm.

Ritzzeichnungen im Coa Tal:
Ritzzeichnungen und wilde Tiere im Vale do Coa

Naturschutzgebiet Faia Brava:
Facebook: facebook.com/reservafaiabrava/

Rewilding Europe
rewildingeurope.com/landscapes/greater-coa-valley/

Touristic Activities
wilderplaces.com/

Freibad Piscinas de Algodres
40.9500204534279, -7.053975804303149

Café O Escondidinho
40.95330004713309, -7.054368759495199
Wirklich schwer auffindbares Cafe mit kleinem Supermarkt in Algodres, was allerdings bei den Dorfbewohnern außerordentlich beliebt ist. Uns hat es fasziniert.

Playa fluvial del Águeda
41.02372250349851, -6.928873819324615
Kajak Verleih und Strandbar:
Täglich 10-20 Uhr

Camino de Hierro
Hier beginnt auch der spanische Wanderweg Camino de Hierro, bei dem es auf den Gleisen einer alten Eisenbahnstrecke durch Tunnel und über Brücken geht.
41.028556435565676, -6.929451889552258

4 comments

Carola 2. Juni 2026 at 6:11

Lieber Jens
Das ist ja einmal ein toller Tipp. Den Norden Portugals möchte ich schon lange erkunden. Der Naturpark Faia Brava werde ich dann bestimmt bei meiner Routenplanung berücksichtigen. Danke, dass du deine Erfahrungen teilst.
Viele Grüße Carola

Reply
Jens 2. Juni 2026 at 14:53

Liebe Carola,
der Norden Portugals ist einfach viel spannender und kulturell interessanter, als der Süden, finde ich. Noch dazu ist dieser Teil des Landes weitaus weniger touristisch und Du kannst Deinen Urlaub hier viel mehr genießen. Vor allem, wenn Du gerne wanderst, wirst Du Nordportugal lieben.
Herzliche Grüße,
Jens

Reply
Gabriele Tröger 1. Juni 2026 at 14:55

Ein superspannendes Thema, lieber Jens. Campen, Wandern, Kajakfahren und Tiere beobachten hört sich genau nach dem an, was auch uns Spaß macht. Mal sehen, wann es uns mal in die Region treibt. Wird vorgemerkt!
Herzliche Grüße von Gabi und Michael

Reply
Jens 2. Juni 2026 at 3:06

Liebe Gabi, lieber Michael, ja, dieser Teil Portugals ist unbedingt eine Reise wert. Derart abgelegene und leere Landschaften kenne ich sonst nur aus Nordamerika. Und mir persönlich gefällt auch die Kombination aus Natur und Geschichte sehr gut. Genießen und staunen. Wir sind dann noch weiter den Douro hinauf gefahren bis nach Miranda do Douro. Sehr lohnenswert. Herzliche Grüße, Jens

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