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Zwischen riesigen Granitfelsen erbaute Häuser hoch oben, über dem Wolkenmeer

Monsanto wurde 1938 bei einem nationalen Wettbewerb des Propagandaministeriums des Estado Novo zum portugiesischsten Dorf Portugals erklärt und mit dem silbernen Hahn ausgezeichnet, dessen Nachbildung bis heute auf dem Lucano-Glockenturm in der Sonne glänzt. Diese Auszeichnung bekam das hübsche Dorf allerdings zu unrecht, denn es ist keineswegs als typisch anzusehen. Vielmehr einzigartig liegt es mit seinen zwischen riesigen Granitfelsen eingeklemmten Häusern, Treppen und Gassen weit oben am Hang des imposant aus der flachen Landschaft herausragenden Monsanto-Berges und man kann nicht umhin, an eine Fantasy-Welt, wie das Auenland mit seinen Hobbithöhlen zu denken. Die Häuser sind hier zwar durchaus Häuser, aber oft so originell zwischen den gewaltigen Felsen errichtet, dass Wände und Decken der darin befindlichen Wohnungen oft schlicht Felswände sind.

Morgens schweben die Häuser über dem strahlenden Wolkenmeer. Weit entfernt ein paar unbewohnte Inseln, sonst die Welt beschränkt auf dieses alte Dorf, seinen Berg, den Granit und seine legendäre widerständige Festung hoch oben.

Nachdem wir unsere Koffer durch die engen Gassen ganz ans obere Dorfende gerollt haben, verfallen wir dem Charme dieses märchenhaften Ortes, in dem es beschaulich und entspannt zugeht. Autos kommen fast gar nicht hier hinauf und wenn dann sehr langsam, mühsam um jede Hausecke manövrierend. Wir haben die Straße vor unserer Ferienwohnung also für uns. Unsere Kinder machen sich gleich auf eine kleine Entdeckungstour in der unmittelbaren Nachbarschaft, stellen trägen Katzen nach, sammeln farbige Steine und zeichnen damit begeistert Muster auf das Kopfsteinpflaster.

Etwas später machen wir einen ersten Spaziergang hinauf auf den Gipfel des Monsanto-Berges. Vorbei an Stallungen, die zwischen und unter die Felsen gegraben sind und herrlich blühenden Wiesen mit Obstbäumen steigt der Weg steil den Berg hinauf und gibt immer wieder fantastische Fernblicke preis.

Lia springt steinbockhaft fröhlich von Fels zu Fels und als es fast dunkel ist, erreichen wir die alte Ruine der Kapelle São Miguel, die ab dem 12. Jahrhundert lange Zeit als Nekropole diente. In der Dunkelheit wirken die am Eingang befindlichen, in Stein gehauenen, uralten Gräber unheimlich und fast etwas beunruhigend.

Später am Abend verirren wir uns ein wenig in den Gassen und Straßen rund um den Lucano-Glockenturm, wir passieren ein Haus, in dem der berühmten neorealistische Schriftsteller Fernando Namora in jungen Jahren als Arzt gewirkt und des abends sicherlich in die dunklen Gassen Monsantos blickend, erste Gedichte und Erzählungen verfasst hat, passieren ein paar hübsche alte Brunnen und unsere Stadtkinder genießen es, die ganze Straße für sich zu haben und klettern begeistert Hauseingangstreppen hinauf und durch kleine Zugänge zu Terrassen, von denen sich immer wieder überraschende Ausblicke auf beeindruckende Haus-Felsgemeinschaften bieten.

Während wir dann gemütlich in einem der alten Häuser schlummern, steigt der Berg samt Dorf mit all seinen schlafenden BewohnerInnen in den Frühlingshimmel hinauf. Erst am kommenden Morgen nach dem Öffnen der schweren Haustür begreifen wir dieses Mysterium. Monsanto erhebt sich majestätisch aus dem riesigen Wolkenmeer und entrückt uns noch um ein weiteres aus Raum und Zeit. Oben auf der alten Festung haben wir schließlich einen grandiosen Ausblick auf wolkenverschleierten Berge in der Ferne. Ist dieses Hochgebirge dort hinten das gewaltige Sternengebirge?

Die umfangreiche Burg wurde mit der christlichen Rückeroberung Portugals im 12. Jahrhundert von den Templern errichtet und hat seine ganz eigene Geschichte, die bis heute jedes Jahr am 3. Mai, dem Fest des heiligen Kreuzes, von den Nachkommen derselben mit einem hübschen Ritual gefeiert wird. Ganz sicher ist man sich nicht mehr, wann sich die Geschehnisse tatsächlich abspielten und wer die Akteure und deren Widersacher waren, aber eine der hübscheren Varianten der Legende lautet folgendermaßen:

Die Legende vom Heiligen Kreuz
Die römischen Truppen unter Lúcio Emílio Paulo belagerten bereits seit 7 finsteren Jahren Monsanto und warteten nur darauf, dass der Hunger die Belagerten zur Aufgabe zwingen würde. Viele Bewohner Monsantos waren bereits gestorben und der Dorfälteste hatte bereits alle Söhne im Kampf gegen die Römer verloren. Nur seine eine Tochter war ihm geblieben. In dieser aussichtslosen Lage versuchte er sie zur Flucht mit seinen letzten Kühen zu überreden, aber sie weigerte sich standhaft.

Angesichts ihres Mutes und ihrer Beharrlichkeit bat der Vater sie schließlich, diese letzte Herde zu schlachten und mit den hungernden Bewohnern zu teilen, um vielleicht noch eine weitere, letzte Woche durchhalten zu können. Die Woche verging und die römischen Soldaten bemerkten die tragische Situation der Belagerten und forderten ein weiteres Mal deren Kapitulation.

Die Tochter bat ihren verzweifelten Vater, noch nicht aufzugeben. Sie hatte bereits einen kühnen Plan geschmiedet und bat ihren Vater, diesen jetzt umzusetzen. Er willigte ein und so holte die Tochter das letzte Kalb, fütterte es mit den letzten Weizenvorräten, dann kletterte sie auf die Verteidigungsmauer und rief mit unerwarteter Selbstsicherheit den Römern zu, dass sie sich nicht ergeben würden, weil sie noch so viel zu essen hätten. Zum Beweis warf sie das Kalb auf die Römer hinab, dass beim Aufschlagen den gerade verspeisten Weizen verstreute.

Noch am selben Nachmittag hörte man den Konsul Emilio aus der Ebene herauf rufen, dass die Belagerten ihre Kälber behalten könnten und man sie eines Tages sowieso holen würde, jetzt aber dem Ruf aus Rom folgen müsse, man habe sowie so schon zu viel Zeit hier verschwendet. Aber man könne sicher sein, dass man zurück käme!

Der Dorfälteste rannte, stolperte, verrückt vor Freude zum Gipfel des Berges und schrie den Belagerern nach: Kommt nur wieder! Wir werden auf Euch warten und immer noch ein weiteres Kalb haben, was wir Euch anbieten können. Vielstimmiges Gelächter übertönte ihn schließlich, aber nicht wie üblich von den Belagerern, sondern diesmal von den Belagerten, die die kluge Tochter des Dorfältesten umjubelten. Die überlisteten Römer zogen endlich davon.

Heute thront die alte Festung auf dem Gipfel des Berges und verleitet kletterfreudige Kinder schnell zur begeisterten Erforschung. Da nirgends Sicherheitsgeländer angebracht wurden, sollte man hier allerdings auf seine Kinder acht geben, denn die erklommenen Mauern sind recht hoch und der Boden daneben sehr hart.

Monsanto

Monsanto gefällt uns wegen seiner unaufdringlichen Gelassenheit. Der hübsche Ort hat sich seinen Charme bisher weitgehend bewahrt. Es gibt noch kaum Hotels und Ferienwohnungen, auch keinen Souvenirladen und nur ein paar Cafes und Restaurants. Tagsüber klettern durchaus einige Touristen vor allem aus dem nahen Spanien den Berg hinauf, aber es sind bisher vergleichsweise wenige. Die Einwohnerzahlen sind seit vielen Jahren eher rückläufig und viele Häuser stehen tatsächlich leer. Sicherlich ist dafür vor allem die abseitige Lage im äußersten Osten Portugals verantwortlich, aber wohl auch die rauen Lebensbedingungen so hoch oben und zwischen den alten Felsen. Seit kurzem siedeln sich wieder Familien dort an und Schulen, die bereits seit Jahren geschlossen waren, wurden wieder eröffnet. Das von Zeca Afonso noch vor 1974 erworbene Haus, soll demnächst in ein Museum über den wichtigsten Sänger und Komponisten der Nelkenrevolution umgewandelt werden. Er soll es erworben haben, um untergetauchten Widerstandskämpfern ein unauffälliges Versteck zu bieten, das mit der nahen spanischen Grenze noch eine finale Fluchtmöglichkeit eröffnete.

Monsanto gehört zu den 12 historischen Dörfern Portugals, die vor allem in dieser Region angesiedelt sind und nach unseren bisherigen Erfahrungen alle unbedingt einen Besuch wert sind. In diesen Dörfern scheint die Zeit stehen geblieben zu sein und wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Kinder diese häufig verkehrsarmen oder sogar verkehrsfreien Dörfer mit Begeisterung erforschen. Ganz in der Nähe Monsantos befindet sich ein weiteres dieser Dörfer: Idanha-a-Velha. Auch die Grenze zu Spanien ist nur einen Katzensprung entfernt, eine Fahrt dorthin erweist sich als Fahrt durch endlose flache Landschaft, kaum besiedelt und so frage ich mich, ob man hier von einer natürlichen Grenze sprechen kann, denn ohne Autos lässt sich das andere Land quasi nicht erreichen, so scheint es mir. Kurz vor der spanischen Grenze entdecken wir Penha Garcia, ein altes Mühltal mit herrlichem Natur-Swimmingpool und umgeben von 490 Millionen Jahre alten Quarzitfelsen, in denen sich Ichnofossile finden lassen, die von den Bewohnern der kleinen Stadt gemalte Schlangen genannt werden. Sie stammen aus einer Zeit, als alle Kontinente noch um den Südpol vereinigt waren.

Anfahrt:
Entweder mit dem Auto zum unteren Teil des Dorfes. Ein kleiner Parkplatz bietet einigen wenigen Autos Raum. Weiter oberhalb ist die Straße nur noch für Anwohner frei. Man kann hingegen etwas unterhalb des Parkplatzes an der Straße parken.
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sollt man in das schöne Städtchen Castelo Branco, z.B. per Zug reisen und von dort einen Bus nach Monsanto nehmen.

GPS (Parkplatz):
40.040003, -7.114172

Unterwegs in Monsanto:
Die kleinen Straßen in Monsanto sind steil und mit Kopfsteinpflaster befestigt. Man kann gut mit einem Kinderwagen und Rollkoffern zur gebuchten Unterkunft gelangen und sich auch mit einem etwas geländetauglichen Kinderwagen auf den Gipfel des Berges begeben.

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