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Railbiking mit der ganzen Familie durch die Serra de São Mamede bis nach Castelo de Vide

Wie so viele andere spannende Naturlandschaften befindet sich das hübsche Mittelgebirge Serra de São Mamede in der dünn besiedelten Grenzregion zu Spanien, ganz im Norden des Alentejo, und damit also nur etwas südlich des Tejo, der aus Spanien kommend, nun Portugal erreicht und langsam breiter wird. Diese Alentejo-Region ist allerdings nicht so flach, heiß und trocken, wie die anderen, sondern hat sich durch ihre Funktion als natürliche Kondensationsbarriere ein feuchtes Mikroklima aufgebaut, was wiederum zu üppigem Pflanzenwachstum und einer artenreichen Tierwelt geführt hat.

Eine alte Bahnstrecke schlängelt sich kurvenreich mitten durch diese herrliche Landschaft und verband vor noch nicht allzu langer Zeit Madrid mit Lissabon. Und mir scheint, dass ich für meinen ersten Besuch in Lissabon in den 1990er Jahren per Interrail genau durch diese herrliche Landschaft gefahren bin, des Nächtens mit geöffnetem Fenster, durch das eine heiße Luft herein wehte, mit langen Aufenthalten in den Grenzbahnhöfen, Grillenkonzerte, Grenzpolizisten, vermutlich sogar genau hier in Beirã, wo nun zwar kein Zug mehr anhält, nicht einmal mehr durchfährt, wo man aber dennoch weiterhin über die alten Gleise Richtung Lissabon holpern kann. 

Susana Torgal und Lenny Macleode, die ehemaligen Betreiber des sehr hübschen Cafe Tati im Stadtzentrum Lissabons haben dafür 6 selbstkonstruierte Schienenfahrräder auf die Gleise gestellt und bieten seit 2018 geführte kleinere und größere Touren durch die Serra an. Man strampelt sich entspannt durch kleine Schluchten und über zahlreiche Brücken, vorbei an verlassenen Bahnhöfen bis nach Castelo de Vide, einer wunderschönen mittelalterlichen Stadt mit beinahe mediterranem Flair.

Tanja, unsere sehr nette, ebenfalls aus Lissabon stammende Führerin, stoppt an den wenigen Straßen, die die Bahnstrecke queren, die hin und wieder vorbei tuckernden Traktoren und hat dann unterwegs einiges über Land und Leute zu erzählen. Sie zeigt uns die runden Steinhäuser, Chafurdões genannt, die vermutlich aus dem frühen Mittelalter stammen könnten und vollständig aus Steinen gebaut sind, ohne Mörtel oder ähnliches zu verwenden. Sogar das Dach wurde nur mit losen Steinen konstruiert, so dass jedes dieser Häuser eine kleine Kuppel hat. Von außen wurde das Chafurdão mit Erde abgedichtet und oft wuchs sogar Gras auf seinem Dach. Bis heute weiß man nicht genau, wer sie wann erbaut hat, wozu sie eigentlich dienten, ob sie einmal als Wohnhäuser, Tierställe, Kultstätten oder Grabkammern genutzt wurden. Allerdings haben die ansässigen Schäfer sie in die Neuzeit hinüber gerettet.

Unsere kleine Tour endet nach 7,5 Kilometern auf einer 30 Meter hohen Brücke über die Ribeira de Vide. Bis zum Bahnhof Castelo de Vide sind es nocheinmal so viele Kilometer und ehrlich gesagt sind wir froh, dass wir nur die kleine Tour gebucht haben, denn unsere ältere Tochter und ich, wir haben dann noch Schwierigkeiten, den anderen Railbikern zu folgen, die jeweils mit zwei Erwachsenen an den Pedalen anscheinend völlig entspannt durch die Landschaft rasen. Wir genießen die Ruhe, radeln an Schafen und Kühen vorbei, stellen uns vor, wie vor Jahren noch Leute an den kleinen Bahnsteigen warteten, die wir passieren und kommen endlich, glücklich und etwas erschöpft zurück zum schönen Bahnhof von Beirã. 

Hier bestaunen wir die vielen Azuleijo-Motive aus einer anderen Zeit, die den Reisenden schon vor ihrer Abfahrt die möglichen Ziele zeigen konnten, einen hoch über allen Dächern nistenden Storch mit Fernsehempfang, die Cais Coberto Bar, die doch ein klein wenig an das alte Cafe Tati erinnern möchte, und zu spannenden Jam Sessions einlädt und das hübsche Train Spot Guesthouse, in dem wir am liebsten ein paar Tage bleiben möchten. Stattdessen fahren wir aber weiter ins schöne Castelo de Vide und verbringen dort entzückt den Nachmittag und Abend, sind ganz verzaubert von den mittelalterlichen Gassen, die sich den Burgberg hinaufziehen. Unsere Kinder klettern begeistert an den Felsen entlang, die hier die alten Häuser stützen.

Die Railbiking-Tour eignet sich hervorragend für aktive Familien, die sich gerne bewegen und die Natur lieben. Kleine Kinder können auf einem Kindersitz mitfahren, unsere achtjährige Tochter konnte bereits kräftig mit in die Pedale treten.

Info:
Webseite: www.railbikemarvao.com
Facebook: www.facebook.com/Rail-Bike-Marv%C3%A3o-343464179716734/
Telefon: +351 912 987 639

GPS: 39.449685, -7.367981

Kleine Tour:
15 Km – 2 Stunden – 20,00 € pro Person

Große Tour:
32 Km – 4 Stunden – 45,00 € pro Person

Täglich finden meist zwei Touren statt, eine am Morgen und eine am Nachmittag. An sehr heißen Tagen geht es schon um 7:30 Uhr los und die abendliche Tour beginnt erst um 18:30 Uhr.

Man sollte unbedingt vorher anrufen und auch direkt reservieren, denn es können maximal 11 Personen je Tour teilnehmen.

Mitbringen:
Ein Picknick und ausreichend Wasser für unterwegs ist sehr zu empfehlen, auch warme Kleidung, bzw. Sonnencreme und Sonnenschutz im Sommer.

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